Evangelisches Gesangbuch 362 – Ein feste Burg ist unser Gott

 

 

 

Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind mit Ernst er‘s jetzt meint;
groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.

 

Dieses Lied ist wohl eines der bekanntesten Lieder im Evangelischen Gesangbuch. Mit Sicherheit ist es das Bekannteste von den Liedern, die in der Reformationszeit entstanden sind. Martin Luther (1483–1546) hat es gedichtet und auch die Melodie dazu geschrieben. „Ein feste Burg ist unser Gott“: Das erklingt sozusagen mit Pauken und Trompeten. Es ist, als ob man Ritterrüstungen klirren hörte und Landsknechte trommeln. Es ist ein Lied gegen die Angst, ein Lied des Trostes und des Vertrauens. Als das Lied zwischen 1527 und 1529 entstand, litt Luther zum ersten Mal unter seinem qualvollen und unheilbaren Steinleiden. In seiner Heimatstadt Wittenberg wütete die Pest. Der Reformator sorgte sich um das Leben seiner schwangeren Frau Katharina. Er war manchmal voller Verzweiflung und fragte sich, ob sein Weg, den er mit der Reformation der Kirche eingeschlagen hatte, der richtige sei. Mit seinem Lied malt uns Luther eine Burg vor Augen: die Wartburg zum Beispiel. Hier hatte er als „Junker Jörg“ einst Zuflucht gefunden und das Neue Testament ins Deutsche übersetzt. Hoch über der Ebene steht die Burg, fest gegründet auf einem Bergrücken, unbezwingbar, wachend über Land und Leute. Der Turm gewährt Ausblick und Weitblick. Schutz bieten die mächtigen Mauern, Sicherheit für die Burgbewohner. Die Tore öffnen sich für Freunde; sie schließen sich für Feinde. Luther hat erfahren: Wie eine befestigte Burg, die Schutz gewährt – so ist Gott für uns. Mit Wehr und Waffen der Liebe umgibt er mich. Zu ihm kann ich fliehen wie zu einer Fluchtburg. Doch nicht immer hatte Martin Luther ­solch ein Zutrauen zu Gott. „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“: Über dieser Frage hat sich der Augustinermönch zermartert. Aber er erlebte: „Mit meiner Macht ist nichts getan.“ Alle selbst gebauten Himmelsleitern, die er sich durch die Erfüllung der Mönchsgelübde und fromme Werke bauen wollte, zerbrachen. Und endlich ging es ihm auf: Leben, wirkliches Leben, ist Gnade, ist ein Geschenk von Gott.

 

Reinhard Ellsel Info: Ausführliche Predigten zu 14 Liedern aus der Reformationszeit hat Autor Reinhard Ellsel unter dem Titel „Lieder der Reformation – aktuell ausgelegt“ im Luther-Verlag (Bielefeld) veröffentlicht.